Von den letzten Wochen während der letzten Tage

Januar 26, 2009

Zunächst wünsche ich alles Gute zum Chinesischen Neujahrsfest – 新年快樂 oder Xin Nian Kuai Le! Am 26.01. begann das neue Jahr und meine neue französische Mitbewohnerin Louise und ich waren zu einem sehr familiären Essen unseres taiwanesischen Freundes Nelson eingeladen worden. Wir genossen ein großartiges Abendessen und waren die ersten außerfamiliären Gäste der Familie Lin. Das Bild zeigt die gesamte Familie, die sich am Neujahrsabend traditionellerweise bei den Großeltern väterlicherseits versammelt. Am linken Bildrand kann man einen kleinen Altar erkennen, wo einige Gaben für die Vorfahren niedergelegt wurden. Nach dem Essen spielten wir chinesisches Schach, würfelten ein wenig um kleinere Geldbeträge und erhielten von unseren taiwanesischen „Eltern“ die roten Geldumschläge, die uns Glück für das neue Jahr bringen sollen. Nach einem kleinen Abstecher zum Longshan Tempel machten wir uns dann auf den Rückweg durch ein reltativ ruhiges Taipei. Es wurden ein bisschen geknallert, aber viele Taiwanesen verlassen zur einwöchigen Neujahrspause die Hauptstadt, um ihr Familien zu besuchen.

Chinesisches Neujahr mit Familie Lin

Chinesisches Neujahr mit Familie Lin

Rote Umschläge und Longshan Tempel

Rote Umschläge und Longshan Tempel

Unser Equivalent zum chinesischen Neujahr ist das Weihnachtsfest und auch da kann ich alle beruhigen: Wir europäischen Austauschstudenten haben uns einigemaßen angestrengt, um einen schönen Heiligabend zu verleben. Nach einer intensiven Suche nach einen Gottesdienst fand ich mich schließlich in einer katholischen Weihnachstmesse wieder, war aber trotz einiger sprachlichen Hindernisse durchaus mit der Thematik vertraut. Beim Glaubensbekenntnis habe ich mich so sehr aufs Französische konzentriert, dass ich doch tatsächlich bekannt habe, „Je crois en l’Esprit Saint, à la saint Église catholique“. In leichter Weihnachtsstimmung ging es dann in ein schwedisches Restaurant und anschließend versammelten wir uns um den blauen Carrefour Weihnachtsbaum in unserer Wohnung.

Heiligabend in Taipeh

Heiligabend in Taipeh

Mein Mitbewohner Philippe aus Dänemark, der am häufigsten auf der kleinen Collage zu sehen ist, hat sich dann zwischen den Jahren auf den Weg nach Hause gemacht. Er wurde in Teilen durch die eingangs erwähnte Französin ersetzt und es ist sicherlich gesünder, eher Gemüse als Taiwan Beer Gold Medal zu kaufen, aber es ist einfach nicht mehr so wie vorher…Allerdings wurde mir dann beim Blick auf ein phantastisches Feuerwerk an und um Taipei 101, dem immer noch höchsten Gebäude der Welt, klar, dass meine Zeit in Taiwan ebenfalls langsam abläuft.

Taipei 101

Taipei 101

Anfang Januar habe ich noch einige Arbeiten für die Soochow Universität anfertigen müssen und kurz darauf habe ich mich dann auch schon „deregistriert“. Es war seltsam, ein letztes Mal im International Office und beim German Department vorbeizuschauen, und auf dem Fußballfeld trainierte schon wieder die Baseballmannschaft. Zudem wurde es in Taipeh überraschend kühl und bei 10°C wird es sogar in Wohnungen ohne Heizung recht frisch. Auf einmal kam aber plötzlich der „Sommer“ zurück und bescherte uns bestes Wetter zur letzten Reise außerhalb von Taipei. Nach vorsichtigem sowie spontanem Hauptstadttourismus ging es vergangene Woche mal wieder raus aus Taipei. Unsere kleine vierköpfige Reisegruppe machte sich per Bahn auf den Weg zur Ostküste. Da ich nach wie vor keine internationale Fahrerlaubnis besitze, durfte ich mir einen ganzen Tag lang die recht wilde und gebirgige Ostküste Taiwans vom Rücksitz  unseres Leihwagens aus anschauen. Kurze Stopps für stativgestützte Gruppenphotos sowie das Überschreiten des nördlichen Wendekreises sorgten für ein gewisses Maß an Abwechslung. Die Sache mit dem Wendekreis überraschte mich etwas, denn ich erwartete diesen speziellen Breitengrad etwas weiter nördlich und wusste ebensowenig, dass diese Linie auf Englisch Tropic of Cancer (!) heißt.

An der Ostküste

An der Ostküste

Nach einer Nacht in Hualien ging es am nächsten Tag in die Tarokoschlucht. In einer atemberaubend steilen Schlucht mit Gipfeln über 3000m verbrachten wir einen ganzen Tag mit kurzen Wanderungen abseits einer etwa 25km langen Straße, die einfach so in den Fels gehauen worden war. Der Tag stand nicht unter dem besten Vorzeichen, da ein Wahrsager unserem Freund Nelson an diesem Tag ausschließlich zu vorsichtigen häuslichen Aktivitäten geraten hatte. Der Junge schlug sich aber recht wacker hinter dem Steuer und es gab nur einen seltsamen Moment, als bei einer Wanderung ein paar Felsbrocken vor uns auf dem Boden zerschellten. Abends mussten dann alle für Obama wach bleiben und ich war tatsächlich bewegt und gleichzeitig etwas beschämt über das Gestottere beim Sprechen der Eidesformel. Am nächsten Tag  entspannten wir noch etwas am Strand, hielten wir unsere Füße  in den Pazifik und fuhren schließlich zurück nach Taipeh. Bevor die chinesische Neujahrswoche anbrach, schickte ich noch schnell 20kg Betelnüsse sowie andere gesammelte Werke nach Münster und bereite  mich weiter auf  meine Abreise vor.

In der Taroko Schlucht

Für ein Resumée ist es an dieser Stelle noch zu früh, aber ich kann jetzt schon sagen: ja, kommt nach Taiwan, wenn Ihr die Möglichkeit dazu habt. Ich habe mir heute erneut ein Video angeschaut, was ich vor meiner Abreise auf meinem Blog verlinkt habe. Eingentlich fand ich es etwas kitschig, aber ich musste feststellen, dass das Video Taiwan ganz gut charakterisiert. Nicht umsonst nennen die Taiwanesen ihr Land so, wie es die Portugiesen vor einiger Zeit von ihren Schiffen aus beschrieben haben – Ilha Formosa (wunderbare Insel).

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Taiwan ist nicht „nur“ Taipeh

November 16, 2008

Die Zeit fliegt nur so dahin und es kommt mir so vor, als wenn die kleine Reise am taiwanesischen Nationalfeiertag erst gestern gewesen wäre. Einer der Namen des Feiertages (double ten) verrät, wie aktuell dieser Eintrag ist und ich bitte dies zu entschuldigen…die Eindrücke sind allerdings noch taufrisch und daher möchte ich sie niemandem mehr vorenthalten.

Unsere „gemischte“ Reisegruppe war mit zwei geräumigen Vans unterwegs auf der Suche nach Eindrücken außerhalb der Hauptstadt. Die taiwanesische Reiseleitung mit Studienerfahrungen in Bonn und Münster sorgte für drei wunderbare Tage, die man als ausländischer Kurzzeittourist so wahrscheinlich nicht erleben kann. Bei einem ersten Stopp in Yingge (dem Meißen Taiwans bzw. Asiens) lernten wir, dass Keramik ab 1260°C und Töpferware bei einer Hitze bis zu 1250°C gebrannt wird. Mit einem Teeset unterm Arm gings dann weiter an die Küste nahe Taichungs, wo unglaublich viele Menschen ebenfalls vorhatten, sich den Sonnenuntergang anzuschauen. Die Boyband der Soochow University machte eine Aufnahme für das Cover ihres nächsten Albums bei bestem Sonnenschein bevor wir uns in das mäßige Nachtleben von Taichung stürzten.

sundown

Sonnenuntergang bei Taichung

Boyband der Soochow University

Boyband der Soochow University

Reisegruppe

The party in a good mood

Der nächste Tag begann in Lugang, dem „lebendigen Museum“ Taiwans, mit vielen alten Tempeln und Straßenzügen. Die Zeit schien hier ein wenig stehengeblieben zu sein und ich genoss einen leckeren Nudelsnack für etwa einen Euro und war überrascht über die positive Wirkung von Bäumen im Stadtbild. Und beim Blick auf die Photos war ich überrascht, wie sehr Menschen aus Schweden in Taiwan aufallen. Abends besuchten wir ein traditionelles Hakka-Restaurant (die Hakka kamen im 17. Jhd. vom Festland und machen gutes Essen sowie 15% der Bevölkerung aus). Später kauten wir noch kurz und ergebnislos auf ein paar Betelnüssen rum, die übrigens nicht immer von leichtbekleideten Betelnussmädchen am Straßenrand an müde Fern- oder Taxifahrer verkauft werden.

Matsu Tempel in Lugang

Matsu Tempel in Lugang

Eine Strasse mit vielen Bäumen und Schweden

Eine Straße mit vielen Bäumen und Schweden

Old Market Street Lugang

Old Market Street Lugang

Richtig! Räucherstäbchen

Richtig! Räucherstäbchen

Phantastische Unterkunft Nacht 2

Im Sinne von „ein Bild sagt mehr als…“ geht die Reise weiter an den Sun Moon Lake, dem größten See der Insel. Da immer wieder auf „group pictures“ gedrängt wurde, entstand schließlich auch ein nettes Bild vor einer Pagode, von der wir später einen gute Blick über den See hatten. Eine ruhige Seepartie rundete die letzte Station unserer Reise ab bevor es zurück nach Taipeh gehen sollte. Aufgrund allgemeiner Müdigkeit durften dann zwei Jungs aus Schweden und Deutlschland ohne Fahrerlaubnis für Taiwan die letzte Etappe bewältigen. Ein einmaliges Erlebnis, das ähnlich wie die Betelnuss vermutlich nicht zur Gewohnheit werden sollte. Bei der Rückkehr nach Taipeh sprachen einige schon fast von Heimatgefühlen und ich erwähne gerne noch einen weiteren Austauschstudenten, der nach einer Woche in Bangkok (laut Nicolas Cage im mittelmäßigen Film Bangkok Dangerous „dense, dirty and corrupt“) endlich wieder zurück in eine normale Stadt wie eben Taipeh wollte. Allerdings gibt es noch jede Menge zu entdecken außerhalb der taiwanesischen Hauptstadt.

one-big-happy-family

Sun Moon Lake

Sun Moon Lake

On Sun Moon Lake

On Sun Moon Lake

Bang Zhe Ming

Oktober 9, 2008

So lautet mein Name, wenn man versucht, ihn auf Chinesisch auszusprechen. Das klingt nicht nur etwas anders, sondern beinhaltet die Worte Philosophie und Volk – damit kann ich ganz gut leben. Die Taiwanesen legen sich zur einfacheren Kommunikation mit Ausländern in der Regel einen englischen Namen zu und da kann es schon mal passieren, dass sich Komilitonen mit „My name is Black/Hero/Sony/Apple“ vorstellen. Was die Kommunikation allerdings etwas erschwert, ist die Tatsache, dass Worte wie Carrefour oder McDonalds nicht verstanden werden. Ähnlich wie Personennamen werden diese Marken chinesisch ausgeprochen. So wird aus McDonalds Mei Dang Lou und Carrefour wird zu Jia Le Fu. Im Fall von Carrefour ist der chinesische Name sogar noch aussagekräftiger als der französische, da er die Worte Familie, freudvoll und perfekt beinhaltet. Entweder man kennt diese Namen oder es dauert etwas bis man jemanden findet, der die Frage nach dem Weg dorthin versteht. Oder man geht erst gar nicht in diese Lokalitäten, aber das muss jeder selbst entscheiden.

Der letzte Taifun bescherte Taiwan einige schwere Schäden und Taipeh City wieder jede Menge Regen. Generell ist das Wetter hier etwas anders als in Münster. Bei 25°C fühlt es sich morgens bereits recht frisch an und die Klimaanlangen im Bus werden etwas gedrosselt. Die Schwüle hat etwas nachgelassen, aber in Taipeh laufen mindestens so viele Miniröcke rum wie Polizisten in Peking. Am 10.10. ist Nationalfeiertag, und die ganze Stadt ist mit taiwanesischen Flaggen geschmückt, die teilweise bereits als Souvenir bei dem ein oder anderen Austauschstudenten im Zimmer hängen. Wir werden das lange Wochenende nutzen und einen Kurztrip in Taiwans Osten machen. Ich werde zum zweiten Mal Taipeh verlassen nach letztem Sonntag. An diesem Tag waren wir in Jiufan oder „little Shanghai“. Vielen wird diese Stadt durch den Film City of Sadness bekannt sein – ich werde nächste Woche mal vorsichtig in der Bibliothek nach diesem Film fragen. Wir haben ein bisschen Tee getrunken, den Blick auf die Küste genossen und „Basketball“ gespielt.

Jiufan
Jiufan

Was war sonst noch los? Bei einem kleinen Grillfest über (einigen) Dächern von Taipeh habe ich festgestellt, dass sich Taiwan in Sachen BBQ nicht verstecken muss – ganz im Gegenteil.

Unsere glorreiche Fussballmannschaft hat zwei erfolgreiche Spiele gegen die National Yang Ming University bestreiten können. Während wir in gelben Leibchen spielten, hatten unsere Gegner immerhin das Trikot der italienischen Mannschaft mit dem Namen ihrer Uni bedruckt – ich hatte einen ziemlichen Tunnelblick! Allerdings habe ich bereits den ersten Tadel des sogenannten Coaches erhalten. Dieser ziemlich geniale Typ ist nur der de jure Trainer, der kommt und geht, wann er möchte. Das erste, was er nach drei Wochen zu mir sagte war, dass ich doch bitte keine Flip Flops tragen sollte, da dies respektlos gegenüber dem Team sei. Während des Spiels trage ich übrigens Fussballschuhe.

Die Mittagspause mit dem Deutschstudenten am 3. Oktober habe ich natürlich verwendet, um ein bisschen über den Tag der deutschen Einheit zu sprechen. Es war gar nicht so leicht, das Wort „antifaschistischer Schutzwall“ zu erklären. Abgesehen davon wurde ich vom lokalen Rotaract Club gebeten, bei einer Art Oktoberfestbrunch in einer Woche über mein Lieblingsbundesland zu referieren. Die Zeit in Taiwan bleibt weiterhin facettenreich – nicht nur wegen der 900 nuklearwaffenfähigen DF 15 Raketen, die die Voksrepublik China auf ihre „Renegade Province“ bzw. die Republik China auf Taiwan gerichtet hat. Diese Abschlussbemerkung sei mir an dieser Stelle gestattet, denn einige Tage habe ich hier an einer Münster-Hausarbeit zu diesem Thema gearbeitet. In Kürze gibt es dann erste Eindrücke von Taiwan außerhalb der Hauptstadt.

socializing, studying, sightseeing

September 21, 2008
Die ersten zwei Uniwochen sind vorüber und innerhalb der Erasmusbande endet damit auch langsam die Zeit, in der jeder mit gefährlichem Halbwissen über Taiwan um sich wirft.
MRT - das beste Metrosystem Asiens

MRT - das beste Metrosystem Asiens

Abgesehen von der vielen Fahrerei mit Bus und Metro, fühlt sich der Unialltag schon wieder fast alltäglich an – aber nur fast. Die Uni ist zwar nicht über die ganze Stadt verteilt, aber es gibt einen Downtown Campus und einen wesentlich schöneren Main Campus am „Rande“ der Stadt. Schön heißt aber nicht unbedingt ruhig, denn zumindest zu Semesterbeginn geht es zu wie in den großen Pausen einer deutschen Schule. Damit ist nicht nur das rege Treiben gemeint, sondern auch die hiesigen Studierenden mit ihrem teilweise noch sehr jugendlichen Aussehen. Wenn ich im Aufzug stehe und auf Hüfthöhe gekichert wird, fühle ich mich schon etwas unwohl. Umso dankbarer bin ich daher für die Möglichkeit, einmal wöchentlich die Masterstudenten „Deutsche Sprache“ zum Mittagessen zu treffen und eine Art Konversationskurs zu veranstalten. Abgesehen vom Chinesischkurs sind die restlichen Kurse auf Englisch und es war mir eine große Freude, während der ersten Sitzungen Dozenten zu erleben, die sich erstmal recht selbstbewusst vorgestellt haben – Lebensläufe wurden quasi an die Wand geknallt. Wir haben uns anschließend namentlich bekannt gemacht und die Uni ist wohl ganz froh darüber, dass wir da sind. So viele Austauschstudenten (15!) hat es hier noch nicht gegeben…“it’s good to have you here“…“see you next week“ und ein Klapps auf die Schulter…ein International Office, der immer für uns geöffnet hat…Vor- und Nachteile der übersichtlichen Gruppe erspare ich der interessierten Leserschaft an dieser Stelle aber die Erkenntnis „small is beautiful“ scheint sich durchzusetzen.
Soochow University Gate - Blick auf den Main Campus

Soochow University Gate - Blick auf den Main Campus

Pünktlich zum ersten Wochenende meldete sich dann auch der erste Taifun an. Es war einigermaßen windig und es hat von freitags bis montags ununterbrochen geschüttet. Irgendwie haben wir es in unserer WG zwar nicht geschafft, die Monopoly Taiwan Edition auszuprobrieren haben, aber immerhin haben wir uns zu einer Art Indoor BBQ getroffen. Das Bild zeigt nicht die ganze Runde, aber die Momentaufnahme meines Mitbewohners möchte ich niemandem vorenthalten.
Indoor BBQ

Indoor BBQ

In der zweiten Woche fand ich heraus, dass die Fußballmannschaft der Uni sogar mich als eine Bereicherung ansehen würde und heute hatten wir schließlich das erste „Auswärtsspiel“. Während ich den Spielbericht erst zusammen mit entsprechenden Bildern veröffentlichen möchte, sei mit folgendem Photo immerhin auf den Stellenwert des internationalen Fußballs in der nationalen Presse hingewiesen.
Taipei Times on Arminia

Taipei Times on Arminia

Ein erster touristischer Höhepunkt war der Besuch des Chiang Kai-shek Memorials, was mich ein wenig an das Lincoln Memorial erinnert. In brütender Hitze wurde fleissig exzerziert; wir machten Gruppenphotos und das Denkmal unterstrich eindrucksvoll Chiangs Rolle als Übervater der chinesischen/taiwanesischen Nation.
Tschiang Kai-shek Memorial
Abraham Chiang Kai Lincoln Memorial

Abraham Chiang Kai Lincoln Memorial

„While rejecting Taiwanese culture by going shopping in Carrefour today, we embraced it yesterday night!“, kommentierte Mitbewohner Philippe die erste Erfahrung mit KTV. Nach einem ausgiebigen Aufenthalt in einem der vielen Clubs, wurde die koreanisch-französisch-dänisch-deutsche Gruppe von ein paar TaiwanesInnen zu KTV eingeladen und so etwas gibt es in Europa nicht. Eine Art Hotel mit richtiger Rezeption vermietet sehr gut möblierte Wohnzimmer für Karaokesessions. Da kann man spät nachts, aber auch mal gerne eben mit Arbeitskollegen in der Mittagspause hingehen. Da die Taiwanesen die Playlist kontrollierten, folgten auf jeden Englischen Song etwa fünf chinesische Lieder, aber es war wirklich witzig und 250 New Taiwan Dollar (knapp 7 Euro) für 90 Minuten Karaoke und zwei Getränke waren auch in Ordnung. Leider oder zum Glück hatte niemand eine Kamera dabei. Allerdings laden die anderen Austauschstudenten auf Facebook andauernd Bilder von der Stadt, vom Essen, von der Uni und von den Menschen hoch und ich hoffe, dass ich von alledem in Kürze in Schrift und Bild berichten kann.

Erasmus in Asien

September 7, 2008
Unser Appartment

Unser Appartment

Die erste Woche nährt sich dem Ende. Bevor es heute abend noch auf einen der sogenannten Nightmarkets geht und morgen die Kurse an der Soochow Universität anfangen, ein kurzer Rückblick. Mitte der Woche bin ich in das neue Appartment gezogen. Ich wohne nun mit Laura und Philippe aus Kopenhagen zusammen im Nordosten Taipehs. Ein paar zusammengebastelte Bilder geben einen kleinen Überblick über unsere Wohnung. Ganz links oben kann man das Fenster des Wohnzimmers sehen (kleines grünes Überdach). Der Blick nach draußen ist ganz annehmbar. Der Balkon ist eher so eine Art Waschküche. Ansonsten lässt es sich hier wohl sehr gut leben. Nach einem üppigen Einkauf in einem schwedischen Möbelhaus wurde es noch etwas besser und wenn ich morgens ein Croissant mit dänischer Butter bestreiche, halte ich nun das gleich Besteck in der Hand wie in der Grevenerstraße.

Wie lange wir von hier aus zur Uni brauchen, werden wir morgen rausfinden. Unsere „Hood“ bietet ansonsten so ziemlich alles, was man so zum alltäglichen Leben braucht. In Gehweite befinden sich alle möglichen Geschäfte von kleiner Garküche, Supermarkt, Liquorstore und Kino bis hin zu einer riesigen Shopping Mall mit einem Club im zwölften Stock. Der wurde am Samstag dann auch von uns vorsichtig begutachtet. Wir hatten vorher zu einer Art House Warming Party geladen. Alle uns bisher bekannten Austauschstudierenden von der Soochow Universität und anderen Universitäten der Stadt hatten wir zu uns eingeladen. So oder so ähnlich muss wohl Erasmus sein, dachte ich mir, als ich Getränke für ein paar neue Gäste aus dem Kühlschrank holte. Unsere muntere Runde bestand aus Studierenden aus Schweden, Peru, Frankreich, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden und natürlich Taiwan – meine Mitbewohner befinden sich links außen in der Bildmitte (Photo unten). Kurz bevor es dann zu bunt wurde, sind wir in den nahegelegenen Club aufgebrochen und ich bin froh behaupten zu können, dass zumindest die Deutschen auf dem Weg dorthin nicht rumgegröhlt haben. Es war ein ganz großer Abend und entsprechend ruhig ging es am nächsten Tag zu. Abends noch etwas Zerstreuung im Kino und die Gewissheit, dass ich hier wahrscheinlich spielend eine Art Erasmussemester erleben könnte. Das klingt gut, aber die Mission heißt natürlich ‚going native‘. Zum Glück sind wir uns da auch alle irgendwie einig. Und wenn wir uns heute Abend durch die Menschenmassen auf dem Nightmarket wühlen und uns die Mägen mit allerlei taiwanesischen Köstlichkeiten voll schlagen, werden wir sicherlich merken, wo wir hier sind. Und am Montag beginnt der Chinesischkurs.

House Warming Party

House Warming Party

Big in Taiwan

September 3, 2008

Hellwach blicke ich am Abreisetag um halb sechs Uhr morgens in verschlafene Gesichter im Bus, der mich nicht nur zum Bahnhof bringt – „ich haue jetzt ah-hab!“, frohlocke ich gedanklich und ein paar Stunden später lande ich nach kurzem Aufenthalt in Hong Kong in der Rebublik China. Warum die Portugiesen Taiwan ihrerzeit „Ilha Formosa“ (schöne Insel) nannten, kann ich bereits aus der Luft spontan nachvollziehen…und ein mehr als perfekter erster Tag sollte dies bestätigen. Der Pick-Up Service der Uni funktioniert reibungslos; dennoch bin ich überrascht, als ich in einer S-Klasse(!) mit der Chefin des International Office über das kommende Semester plaudere. Sie gesteht mir, dass der Uni-Bus nicht angefordert werden konnte, aber der Mercedes läuft auch ganz gut durch den moderaten Verkehr des sonntäglichen Taipehs. An der Wohnung treffe ich auf Nelson, einen Taiwanesen, der letztes Jahr in Münster studierte, und dem ich bereits nach dem ersten Tag zu tiefstem Dank verpflichtet bin. Gerne hätte ich ihm auf gleiche Weise bei seinen ersten Tagen in Deutschland geholfen. Wir „müssen“ unbedingt deutsch sprechen und das geplante Sprachtandem wird in der kommenden Woche wohl eher eine Aktivität der zwei Geschwindigkeiten werden.

Wir fahren zum Downtown Campus der Soochow-Universität, die einen gepflegten Eindruck macht. Da Nelson Mitglied von Roteract – den sagen wir mal vorsichtig „Jung-Rotariern“ ist –, geht es direkt zum ersten Social Event. Bei dieser „Übergabe des Präsidentenamtes“ werde ich dankbarer Zeuge taiwanesischer Organisationskultur: eine Vielzahl meiner sonst eher verhalten ausgeteilten Visitenkarten werde ich direkt los, indem ich sie beim ersten Vorstellen bereits mit beiden Händen respektvoll übergebe. Die Veranstaltung an sich ist eine erfrischend abwechslungsreiche Zeremonie mit begeisternden Zwischenrufen, die kollektiv wiederholt werden, Gesang, Tanz, Zaubertricks und euphorischer Beklatschung aller anwesenden Gäste, die dazu (mich eingeschlossen) individuell aufgerufen werden und sich kurz erheben dürfen. Diese ersten Taiwanesinnen und Taiwanesen sind äußerst herzliche Menschen und müssten sich – sagen wir mal aus hierarchiebehafteter deutscher Sicht – nicht unbedingt so zuvorkommend um einen Austauschstudenten kümmern, der sich am Ende noch mit allen Anwesenden vorne aufs Podium stellen darf, um gelbe Papierflieger in Richtung eines Photographen loszuwerfen.

Zur Krönung meines ersten Tages werde ich von der Nachmittagscrew zum Dinner eingeladen. Dieses für mich erste taiwanesische Restaurant heißt zufällig „First Hotel“ und ich erlebe ein Festessen, das ich so schnell nicht vergessen werde. Je zwölf Personen sitzen an großen Rundtischen und probieren sich durch allerlei Köstlichkeiten, die ununterbrochen auf der große Drehscheibe in der Mitte des Tisches serviert werden. Andauernd wird kollektiv (und wieder besser mit beiden Händen) auf irgendetwas angestoßen. Während ich mein erstes „Taiwan Beer – Gold Medal“ genieße, stoßen andere mit vermutlich sehr gutem Wein an, der grundsätzlich und komplett so die Kehle hinuntergespült wird, dass Weinkennern vermutlich die Tränen kämen. Hier wird allerdings nur gelacht und seichte Konversation betrieben. Als dann tatsächlich noch die Karaokemaschine angeschmissen wird, müssen wir leider gehen.

Zurück in meinem kleinen, aber feinen Zimmer im fünften Stock drücke ich ein bisschen auf der chinesischsprachigen Fernbedienung meiner Klimaanlage herum und frage mich, was an diesem ersten Tag vielleicht chaotisch lief oder mich massiv beunruhigt hat, aber mir will einfach nichts einfallen. Es ist nicht so, dass „es läuft“, sondern ES LÄUFT.

Sicherlich ist mir vieles Fremd, aber vielleicht es geht nicht darum, sofort alles zu verstehen. Stattdessen merke ich, dass es ein großer Unterschied ist, von kulturellen Unterschieden zu sprechen oder sie tatsächlich erfahren zu dürfen. Diese erste Erkenntnis reicht mir völlig aus – zumindest zunächst.

Danish Dynamite

Am zweiten Tag übernimmt Nelson wieder die Regie – neues Handy; interessanter Netzadapter; multifunktionale Metrokarte, mit der erst beim Verlassen des Busses gezahlt wird; fast ein neues Konto; Mittagessen in einer abenteuerlichen Garküche, wo im TV auch vom berühmten I-Phone Mädchen die Rede ist; ein bisschen durch die Uni laufen; ein privater Moment, als wir Nelsons Großvater besuchen, der uns mit Tomatensaft und Süßigkeiten versorgt, während er von der japanischen Kolonialzeit erzählt und uns stolz diverse digitale Videogeräte vorführt; als Krönung kann eine Wohnungssuche erfolgreich beendet werden: Mein momentanes Zimmer ist zwar sehr angenehm, aber ich muss Ende des Monats leider raus – nicht weil ich mich danebenbenommen habe, sondern weil es vor meiner Ankunft zu einer Art Missverständnis gekommen sein muss und die Wohnung bereits ab Oktober wieder vergeben wurde. Zusammen mit Laura und Philipp, zwei dänischen Austauschstudierenden an der Soochow, und vor allem Dank Nelsons Hilfe schauen wir uns zwei WGs an. Die beiden Dänen sind mir spontan nicht unsympathisch, aber scheinen mir nach einer Woche Taipeh bereits erschreckend aufgerieben zu sein…als sich dann aber die zweite Wohnung dank eines moderaten Preises und einer Küche mit Balkon sowie eines riesigen Wohnzimmers als unsere zukünftige 3er-WG herausstellt, werden die Gemüter bei einem gemeinsamen Abendessen etwas entspannter. Der zweite, weitere gute Tag geht zu Ende und ich hoffe, dass ich bei den Verhandlungen über die wegen der unterschiedlichen Zimmergröße entsprechend variierenden Mieten keinen Fehler gemacht habe, sondern Model United Nations sich auch in Taiwan auszahlt. Außerdem brauche ich dringend eine Digitalkamera, um endlich ein bisschen Anschauungsmaterial zu liefern und (auch mir) zu beweisen, dass ich tatsächlich hier bin.

Bald geht es endlich los!

August 21, 2008

In wenigen Tagen werde ich aufbrechen, um ein Semester lang an der taiwanesischen Soochow University in Taipeh zu studieren. Vor einem Jahr hätte ich nicht unbedingt gedacht, dass ich mal einen Blog einrichten würde, da ich nach Taiwan gehe. Nach einem anstrengenden Jahr in der Käsestadt Enschede bzw. der westfälischen Metropole Münster und vor der Masterarbeit „gönne“ ich mir das kommende halbe Jahr auf der Ilha Formosa mit sehr gutem Gewissen. Natürlich werde ich meine Chinesischkenntnisse „weiter ausbauen“ und ein paar Kurse belegen, vielleicht Deutschunterricht geben dürfen. Mindestens genauso gespannt und neugierig bin ich auf ein Land, dessen Menschen, Kultur und Geschichte ich bisher nur aus Büchern kenne. Oder wie raunte mir in diesem Zusammenhang ein ehemaliger Mitschüler beim 25-jährigen Klassentreffen kürzlich zu: „Nothing teaches you better than your eyes!“ Ich weiß nicht, ob das grammatikalisch wasserdicht war, aber er hatte – wie immer – nicht ganz unrecht. In diesem Sinne möchte ich diesen Blog betreiben und Euch durch ein paar hoffentlich anekdotenreiche und interessante Berichte sowie möglichst viele Bilder mitnehmen nach Taiwan. Mal sehen, wie es wird dieses Wintersemester. B