Hellwach blicke ich am Abreisetag um halb sechs Uhr morgens in verschlafene Gesichter im Bus, der mich nicht nur zum Bahnhof bringt – „ich haue jetzt ah-hab!“, frohlocke ich gedanklich und ein paar Stunden später lande ich nach kurzem Aufenthalt in Hong Kong in der Rebublik China. Warum die Portugiesen Taiwan ihrerzeit „Ilha Formosa“ (schöne Insel) nannten, kann ich bereits aus der Luft spontan nachvollziehen…und ein mehr als perfekter erster Tag sollte dies bestätigen. Der Pick-Up Service der Uni funktioniert reibungslos; dennoch bin ich überrascht, als ich in einer S-Klasse(!) mit der Chefin des International Office über das kommende Semester plaudere. Sie gesteht mir, dass der Uni-Bus nicht angefordert werden konnte, aber der Mercedes läuft auch ganz gut durch den moderaten Verkehr des sonntäglichen Taipehs. An der Wohnung treffe ich auf Nelson, einen Taiwanesen, der letztes Jahr in Münster studierte, und dem ich bereits nach dem ersten Tag zu tiefstem Dank verpflichtet bin. Gerne hätte ich ihm auf gleiche Weise bei seinen ersten Tagen in Deutschland geholfen. Wir „müssen“ unbedingt deutsch sprechen und das geplante Sprachtandem wird in der kommenden Woche wohl eher eine Aktivität der zwei Geschwindigkeiten werden.
Wir fahren zum Downtown Campus der Soochow-Universität, die einen gepflegten Eindruck macht. Da Nelson Mitglied von Roteract – den sagen wir mal vorsichtig „Jung-Rotariern“ ist –, geht es direkt zum ersten Social Event. Bei dieser „Übergabe des Präsidentenamtes“ werde ich dankbarer Zeuge taiwanesischer Organisationskultur: eine Vielzahl meiner sonst eher verhalten ausgeteilten Visitenkarten werde ich direkt los, indem ich sie beim ersten Vorstellen bereits mit beiden Händen respektvoll übergebe. Die Veranstaltung an sich ist eine erfrischend abwechslungsreiche Zeremonie mit begeisternden Zwischenrufen, die kollektiv wiederholt werden, Gesang, Tanz, Zaubertricks und euphorischer Beklatschung aller anwesenden Gäste, die dazu (mich eingeschlossen) individuell aufgerufen werden und sich kurz erheben dürfen. Diese ersten Taiwanesinnen und Taiwanesen sind äußerst herzliche Menschen und müssten sich – sagen wir mal aus hierarchiebehafteter deutscher Sicht – nicht unbedingt so zuvorkommend um einen Austauschstudenten kümmern, der sich am Ende noch mit allen Anwesenden vorne aufs Podium stellen darf, um gelbe Papierflieger in Richtung eines Photographen loszuwerfen.
Zur Krönung meines ersten Tages werde ich von der Nachmittagscrew zum Dinner eingeladen. Dieses für mich erste taiwanesische Restaurant heißt zufällig „First Hotel“ und ich erlebe ein Festessen, das ich so schnell nicht vergessen werde. Je zwölf Personen sitzen an großen Rundtischen und probieren sich durch allerlei Köstlichkeiten, die ununterbrochen auf der große Drehscheibe in der Mitte des Tisches serviert werden. Andauernd wird kollektiv (und wieder besser mit beiden Händen) auf irgendetwas angestoßen. Während ich mein erstes „Taiwan Beer – Gold Medal“ genieße, stoßen andere mit vermutlich sehr gutem Wein an, der grundsätzlich und komplett so die Kehle hinuntergespült wird, dass Weinkennern vermutlich die Tränen kämen. Hier wird allerdings nur gelacht und seichte Konversation betrieben. Als dann tatsächlich noch die Karaokemaschine angeschmissen wird, müssen wir leider gehen.
Zurück in meinem kleinen, aber feinen Zimmer im fünften Stock drücke ich ein bisschen auf der chinesischsprachigen Fernbedienung meiner Klimaanlage herum und frage mich, was an diesem ersten Tag vielleicht chaotisch lief oder mich massiv beunruhigt hat, aber mir will einfach nichts einfallen. Es ist nicht so, dass „es läuft“, sondern ES LÄUFT.
Sicherlich ist mir vieles Fremd, aber vielleicht es geht nicht darum, sofort alles zu verstehen. Stattdessen merke ich, dass es ein großer Unterschied ist, von kulturellen Unterschieden zu sprechen oder sie tatsächlich erfahren zu dürfen. Diese erste Erkenntnis reicht mir völlig aus – zumindest zunächst.
Danish Dynamite
Am zweiten Tag übernimmt Nelson wieder die Regie – neues Handy; interessanter Netzadapter; multifunktionale Metrokarte, mit der erst beim Verlassen des Busses gezahlt wird; fast ein neues Konto; Mittagessen in einer abenteuerlichen Garküche, wo im TV auch vom berühmten I-Phone Mädchen die Rede ist; ein bisschen durch die Uni laufen; ein privater Moment, als wir Nelsons Großvater besuchen, der uns mit Tomatensaft und Süßigkeiten versorgt, während er von der japanischen Kolonialzeit erzählt und uns stolz diverse digitale Videogeräte vorführt; als Krönung kann eine Wohnungssuche erfolgreich beendet werden: Mein momentanes Zimmer ist zwar sehr angenehm, aber ich muss Ende des Monats leider raus – nicht weil ich mich danebenbenommen habe, sondern weil es vor meiner Ankunft zu einer Art Missverständnis gekommen sein muss und die Wohnung bereits ab Oktober wieder vergeben wurde. Zusammen mit Laura und Philipp, zwei dänischen Austauschstudierenden an der Soochow, und vor allem Dank Nelsons Hilfe schauen wir uns zwei WGs an. Die beiden Dänen sind mir spontan nicht unsympathisch, aber scheinen mir nach einer Woche Taipeh bereits erschreckend aufgerieben zu sein…als sich dann aber die zweite Wohnung dank eines moderaten Preises und einer Küche mit Balkon sowie eines riesigen Wohnzimmers als unsere zukünftige 3er-WG herausstellt, werden die Gemüter bei einem gemeinsamen Abendessen etwas entspannter. Der zweite, weitere gute Tag geht zu Ende und ich hoffe, dass ich bei den Verhandlungen über die wegen der unterschiedlichen Zimmergröße entsprechend variierenden Mieten keinen Fehler gemacht habe, sondern Model United Nations sich auch in Taiwan auszahlt. Außerdem brauche ich dringend eine Digitalkamera, um endlich ein bisschen Anschauungsmaterial zu liefern und (auch mir) zu beweisen, dass ich tatsächlich hier bin.
September 4, 2008 um 8:29 am
Och Ben, wie perfekt sich das alles anhört…Taiwan ist ja wirklich “China in aufgeräumt” oder? So im Vergleich zu Beijing….Super, dass du gleich Anschluss gefunden hast! Und die Papierfliegeraktion hörte sich ja richtig nach einer Willkommens-Zeremonie, die eines Bam-Bam würdig ist an
Liebes Grüße aus Münster und weiterhin viel Glück bei der Identifikation des Dir vorgesetzten Essen
September 4, 2008 um 8:38 am
…lauenburg is aber auch ganz schön, wie ich am sonntag feststellen durfte…
…nein im ernst: das hört sich tierisch gut an und macht nicht nur neugierig auf mehr solcher berichte sondern v.a. sehr sehr viel lust sich jetzt einfach an deine stelle zu bugsieren…